Das brachte die DLD 2016

Techie-Spielzeug bei der DLD - ein echter Blick in die Zukunft war eher auf den Bühnen zu erhaschen.

Techie-Spielzeug bei der DLD – ein echter Blick in die Zukunft war eher auf den Bühnen zu erhaschen.

Neben Netflix-Boss Reed Hastings war Whatsapp-Gründer Jan Koum der Star. Thematisch setzte die künstliche Intelligenz ein Ausrufezeichen.

Reed Hastings gegen Claus Kleber, Netflix gegen ZDF, innovativer Streamingdienst gegen öffentlich-rechtliches Fernsehen: Das Highlight der Digital-Life-Design-Konferenz 2016 war wohl diese Paarung auf der Hauptbühne. „Das macht der DLD gerne – er setzt das Raubtier mit seiner Beute auf eine Bühne und guckt, was passiert“, hatte heute-journal-Anchorman Kleber gesagt.

„Tendenz, die Vergangenheit zu romantisieren“

Ganz so martialisch lief die Veranstaltung dann aber nicht ab. Hastings beanspruchte nicht das Nachrichtenmonopol für Netflix, das in erster Linie ein Unterhaltungsdienst mit Filmen und Serien sei und das auch auf absehbare Zeit bleiben wolle. Er erlaubte sich mit Bezug auf das lineare Fernsehen immerhin den Seitenhieb, es gebe immer die „Tendenz, die Vergangenheit zu romantisieren“. Dass Streamingdienste wie Netflix die Zukunft sind oder in dieser zumindest eine sehr gewichtige Rolle spielen werden, musste Hastings auch nicht extra betonen. Erst vor wenigen Tagen war Netflix mit Ausnahme weniger autoritär regierter oder vom Krieg geplagter Staaten um den gesamten Globus expandiert.

Whatsapp ändert sein Geschäftsmodell

Besonderen Nachrichtenwert hatte vor allem die Aussage von Whatsapp-Gründer Jan Koum, dass der Messenger die jährliche Gebühr von 89 Cent abschaffen und wieder komplett kostenlos werden wolle. Geld möchte man in Zukunft mit professionalisierten Diensten verdienen, bei denen etwa Unternehmen ihre Kunden über Whatsapp ansprechen könnten oder die Nutzer gegen Bezahlung Informationsdienste in Anspruch nehmen.

Zukunftsmarkt vernetztes Auto

Weiter wurde in mehreren Panels die Revolution deutlich, die uns durch vernetzte und selbstfahrende Autos noch bevorstehen könnte: Im Zusammenhang mit Big-Data-Auswertungen liegt riesiges Potential für neue Dienste in der vernetzten Fahrzeugtechnologie, die stets auch im Zusammenhang mit dem „Internet der Dinge“ zu sehen ist. So könnten etwa Autos dem vernetzten Zuhause aufgrund von Verkehrsdaten mitteilen, wann man nach Hause kommt und entsprechend die Heizung steuern. Von neuen Werbepotenzialen durch die anfallenden persönlichen Nutzungsdaten ganz zu schweigen.

Künstliche Intelligenz auf dem Niveau von Tieren ist nah

Der Leiter des Schweizer Forschungsinstituts für Künstliche Intelligenz IDSIA, Jürgen Schmidhuber, skizzierte die großen Erwartungen an intelligente Systeme – und zeigte auf, wie nah sie uns bereits sind. Bereits heute sind etwa in der Industrie, aber auch schon auf jedem Smartphone, Technologien im Einsatz, die Informationen wie Gehirne verarbeiten und dabei auch lernen. In wenigen Jahren erwarte er Roboter, die bereits an das Intelligenzniveau von Tieren heranreichten, später auch an das von Menschen, so Schmidhuber. Dann werde bei der technischen Entwicklung „alles explodieren“, die Roboter würden sich selbst reproduzieren und es werde „Roboterzivilisationen im Asteroidengürtel unseres Sonnensystems“ und dereinst in der ganzen Milchstraße geben, erklärte er im BR-Interview.

Dauerthemen digitaler Journalismus und Startups

Vertreten war auch wieder das Dauerthema Zukunft und Finanzierung des Journalismus: Kostenloskultur gegen bezahlten Qualitätsjournalismus, Werbefinanzierung versus Paywall – gleich mehrere Panels und Vorträge kreisten um diese Themen. In Sachen Startups wurde seitens der Wirtschaft, etwa in Person von Rocket-Internet-Boss Oliver Samwer, erneut und wiederholt die Forderung laut, in Deutschland und Europa herrsche viel zu wenig Risikogeist – weshalb es in den USA die größeren und erfolgreicheren Tech-Firmen gebe. Risikokapital-Investor Albert Wenger stellte seine Vision einer zukünftigen Arbeitswelt mit einem bedingungslosen Grundeinkommen für jeden vor. Dieses bringe Menschen dazu, das zu tun, was sie wirklich interessiert und steigere so die Leistung und nicht zuletzt auch das Wohlbefinden der Menschen.

Kritische Töne und Erleichterung bei der Essensausgabe

Manch einer hätte sich in größerem Umfang neue Themen und Gesichter gewünscht. So zeigte sich der Vertreter einer großen Versicherungsgesellschaft beim Lunch einigermaßen enttäuscht, dass es „nur“ einen Vortrag und ein Panel zum Thema Blockchain gegeben habe. Die Blockchain-Technologie, die eine weitgehend fälschungssichere Dokumentation von Zahlungs- und beinahe allen anderen Vorgängen im Internet erlaubt, könnte als Grundlage eines neuen, dezentraleren und vielleicht auch vertrauenswürdigeren Internets dienen.

Ein Chefredakteur dagegen war geradezu erleichtert, dass er nicht so viel komplett Neues, sondern aus seiner Sicht eher Weiterführungen von Bekanntem präsentiert bekam – Evolution statt Revolution. Man könne dies als „Anzeichen der Konsolidierung in der Branche“ deuten, was für Medienunternehmen mitunter gar nicht so schlecht sei. Schließlich könne man sich mehr Zeit für die Entwicklung guter Produkte nehmen, wenn ein Trend nicht dann schon wieder vorbei ist, wenn man sich gerade halbwegs darauf eingestellt hat.

von Florian Regensburger

19.01.2016

Kommentieren:

Kommentare werden vor der Freischaltung geprüft. Links sind nicht gestattet.
Mehr in den Kommentarrichtlinien.